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Reitböden: Textile Zuschlagstoffe und Nachhaltigkeit

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Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema für die Gesellschaft und den Reitsport. Auch die Hersteller beschäftigen sich intensiv mit diesem Thema. Besonders textile Zuschlagstoffe geraten mehr und mehr in die Kritik und ins Zentrum vieler Diskussionen. Dabei geht es darum, wie die Betriebe die Reitplätze bei Bedarf entsorgen können, welchen Einfluss textile Zuschlagstoffe auf ihre Umwelt haben und um mögliche Alternativen. Wir haben einige von ihnen zur aktuellen Diskussion und möglichen Varianten nachgefragt. Mehr Infos zum Thema Textile Zuschlagstoffe, Haftung von Betriebe für Reitplätze und Nachhaltigkeit lesen Sie im Pferdebetrieb Ausgabe 05/2020.

Pferdebetrieb: Wie sehen Sie die Entwicklungen zu diesem Thema?

Anja Bohlmann, Bohlmann Reitböden:

„Wir verfolgen die Diskussion mit großem Interesse und stellen dabei momentan jedoch fest, dass diese Diskussion sehr einseitig geführt wird. Wir wünschen uns eine kontroversere Auseinandersetzung des Themas mit allen maßgeblichen, vielschichtigen und erheblichen Argumenten. In Bezug auf die Stellungnahmen der Behörden, würden wir uns hierzu mehr
Sachbezug wünschen. Ganz grundsätzlich legen wir großen Wert auf die Nachhaltigkeit unserer Produkte. Zum Einen arbeiten wir möglichst ressourcenschonend und zum Anderen verwenden wir ausschließlich geprüfte und qualitativ hochwertige Stoffe.“

Felix Stuckenberg, Die Reitsand GmbH:

„In Zukunft wird es für synthetische Zuschlagstoffe definitiv strengere Auflagen geben als es momentan der Fall ist. Aktuell kann man kann man auf sie jedoch nicht verzichten, da es noch keinen biologischen Ersatz gibt, der die gleichen Leistungen erzielt wie Vlies- bzw.
Synthetik Produkte. Deshalb arbeiten wir derzeit mit mehreren externen Partnern und Instituten an einer Lösung zur kostengünstigen und umweltfreundlichen Entsorgung und Aufbereitung von Sandböden mit synthetischen Zuschlagstoffen.

In der nächsten Zeit wird es keinen qualitativ gleichwertigen Ersatz zu den synthetischen Zuschlagstoffen geben. Allerdings gibt es bereits gut funktionierende biologische Zuschlagstoffe wie die sogenannte Bio-K Faser. Diese besteht aus Maisstärke, die zu Milchsäureketten verarbeitet wurden und ist beispielsweise in einer Kompostieranlage verwertbar. Ihre durchschnittliche „Lebensdauer“ beträgt circa 6 Jahre.

Bis es allerdings eine biologische Alternative zu den derzeit verwendeten synthetischen Zuschlagstoffen gibt, die die gleichen qualitativ-hochwertigen Eigenschaften aufweisen, wird noch einige Zeit vergehen.“

Nicole Hübner, Hübner-Lee:

„Mich persönlich freut es sehr, dass sich das Thema Nachhaltigkeit endlich auch in der Pferdebranche durchsetzt. Das Versiegeln und Entfernen der natürlichen Bodenfunktionen, ist eine irreversible Zerstörung der nicht erneuerbaren Ressource Boden. Das Umdenken und das damit verbundene verstärkte Umweltbewusstsein in der Gesellschaft ist absolut notwendig. Unsere Erde hat nur eine gewisse Bodenverfügbarkeit, jeder weitere Reitplatz, Paddock oder Aktivstallanlage, die sich für eine ökologische Bauweise entscheidet, kann dem stetigen Flächenverbrauch entgegenwirken.“

Pferdebetrieb: Welche Reitboden-Variante empfehlen Sie als nachhaltige und gleichzeitig praktikable Lösung für Betriebe?

Anja Bohlmann, Bohlmann Reitböden:

„Da es nicht eine Lösung für alle Betriebe gibt, schauen wir, was individuell am
praktizierbarsten für den Betrieb ist. Welchen Anspruch dieser an seinen Reitboden
stellt.

Pflege ist immer das A und O dabei. Dazu gehört nicht nur das abäppeln. Wir wundern uns immer wieder, wie wenig wichtig das genommen wird. Dazu gehört vor allem auch das richtige und ausreichende Wassermanagement. Wasser schützt nicht nur das Sandkorn vor dem Austrocknen, es gibt zusätzlich Stabilität. Je besser eine Reitfläche gewässert ist, desto weniger verschiebt sich der Reitboden. Es nützt nichts, nur die ersten zwei bis drei Zentimeter zu befeuchten. Ist der untere Bereich der Tretschicht trocken ist dieser Bereich leichter und die Verschiebungen kommen zu Stande, weil der schwerer Teil (also die oberen etwas feuchteren Zentimeter) verschieben somit beim Einhufen automatischen den unteren Teil des Bodens und der Reitboden liegt nicht meht gleichmäßig verteilt, sondern an manchen Stellen
befinden sich alsbald nur noch wenige Zentimeter Auflage, an anderen Bereichen die
doppelte Tiefe wie ursprünglich beim Einbau.

In meinen Augen müsste an jedem Reitplatz/Reithalle eine Beregnung Pflicht sein. Häufig wird hier am falschen Ende gespart. Die Zuschlagstoffe bleiben in einem ausreichend feuchtem Reitboden ebenfalls länger homogen mit dem Sand gemischt.

Sind die Böden zu trocken, entmischen sie sich und liegen eher oben über dem Reitsand. Somit ist klar, dass beim Abäppeln zu viel von den Zuschlagstoffen auf die Schaufel gerät. Zum Thema Pflege gehört auch das passende Pflegegerät. Nicht auf den Boden abgestimmte Geräte verschieben den Reitboden unnötig oder gleichen nach der Tagesarbeit zu wenig aus.

Unterschiedliche Anforderungen benötigen unterschiedliche Reitbeläge mit den jeweiligen Zuschlagsstoffen). Deutschland als Aushängeschild im Pferdesport sollte sich da an die internationalen Vorgaben (FEI) ausrichten, um unseren Profireitern keine Benachteiligung im Bezug auf Training auf den Anlagen zu verschaffen. Eine mögliche Verlagerung von Turnieren und Events ins Ausland aufgrund einer schlechten Bodendynamik in Reitbelägen durch Eliminierung von bestimmten Zuschlagsstoffen wäre außerdem kontraproduktiv und würde der gesamten Reitsportbranche schaden.“

Felix Stuckenberg, Die Reitsand GmbH:

„Als zuverlässig hat sich die oben genannte Bio- Kunststoff Faser erwiesen. Je nach Anspruch und gewünschten Anforderungen an den Boden geht der Trend derzeit auch zu sogenannten Siebgut- bzw. Holzstick-Reitplätzen, die nahezu ohne Sand auskommen. Bei all den Alternativen müssen trotz allem Abstriche in Sachen Qualität oder Lebensdauer gemacht werden. Des Weiteren lassen sich einige wenige hochwertige Reitsande auch komplett ohne Zuschlagstoffe gut verwenden. Aber diese Sande bilden eher die Ausnahme.“

Nicole Hübner, Hübner-Lee:

„Generell „bauen wir auf und mit“ natürlichen Materialien, im wahrsten Sinne des Wortes. Anstatt einer Schottertragschicht, bei der wie oben beschrieben die Natur entfernt und die Fläche versiegelt wird, bauen wir auf den Oberboden auf und greifen somit keinesfalls in den Boden ein. Der Boden wird sogar durch unsere Holzelastikschicht geschützt und der Mutterboden bleibt weiterhin belüftet. Auch in der Tretschicht raten wir persönlich zu Holzhackschnitzeln als Zuschlagstoff. Ganz Essentiell bei unserer Bauweise ist, dass die Flächen, egal ob Reitplatz oder Paddock, jederzeit zurückgebaut werden können und die Bodenfunktion dabei vollständig erhalten bleibt. Einer künftigen Umgestaltung der Flächen oder spätere Fruchtfolge (Ackerbaufläche) steht nichts im Weg.“

Pferdebetrieb: Wie sieht es mit der Langlebigkeit aus? Wann muss der Reitplatz aufgefrischt bzw. die Tretschicht ausgetauscht werden und wie kann man sie anschließend verwerten oder entsorgen?

Anja Bohlmann, Bohlmann Reitböden:

Das muss individuell entschieden werden und kann nicht pauschal bewertet und beurteilt werden. Ein kompletter Austausch ist oft gar nicht notwendig, sodass eine Auffrischung mit Sand völlig ausreichend ist.

Sollte eine Tretschicht aus welchem Grund auch immer ausgetauscht werden, stellt sich zunächst die Frage, wohin damit? Hier kommt die sogenannte LAGA (Länderarbeitsgemeinschaft Abfall) ins „Spiel“. Zunächst müsste man ein akkreditiertes Labor für eine Probeentnahme dieses Bodens beauftragen, um verschiedene Parameter auf Schadstoffe für Mensch, Tier und Umwelt zu prüfen.

Dieses wird zum Einen im Festoffbereich oder im Andren im Eluatbereich wie z.B. Schwermetalle, Kohlenwasserstoffe, Blei, Chrom, Arsen etc. analysiert, um eine objektive Schadstoffbeurteilung zu erhalten. Kosten für die Probeentnahme und für die Analyse des Feststoffes und des Eluates liegen zwischen 600 € bis 900,00 € netto ohne An-u. Abfahrt. Liegen die Parameterauswertungen vor, kann eine Kosteneinschätzung für die Entsorgung gemacht werden. Je nach Belastung kann der Boden entsprechend in einer zugelassenen Deponie entsorgt werden.

Über welche Menge pro Quadratmeter sprechen wir überhaupt? Um eine trittsichere und elastische Tretschicht herzustellen, wird je nach Reitdisziplin ein Zuschlagstoff von 1,0 kg bis 1,5 Kg in den Sand eingemischt. Das bedeutet z.B.: 800,00 qm x 1,5 kg = 1.200,00 kg Zuschlagstoff. Das entspricht 0,009 % des gesamten Volumens des Reitplatzes. Betrachtet man also diese geringe Menge, erscheint es kaum vorstellbar, dass sich aus einem bereits im Ursprung unbedenkliches Material, mit einem neutralem Sand gemischt, zu einer Umweltbelastung führen soll und wie stellt sich diese Unverträglichkeit tatsächlich da bzw. wie wirkt sich diese auf die Natur aus?

Im Vergleich: betrachten wir nur mal die Belastung der Umwelt durch den Autoverkehr/Schwerlastverkehr und den damit verbundenen Abrieb der Reifen. Diese Reststoffe werden verstärkt bei Regenwetter extrem in den Seitenraum der Fahrbahnen gespült und gelangen somit direkt ins Erdreich. Sollte man tatsächlich einem Reitboden mit synthetischen Zuschlagstoffen jemals eine Schadstoffbelastung und Form von Auswaschungen ins Grundwasser nachweisen können, wird dieser Wert kaum ins Gewicht fallen im Gegensatz zu dem vorherigen Beispiel.

Es gibt viele andere Bereiche, die ähnliche Belastungen darstellen, die die Umwelt stärker belasten. Sicherlich gibt es hier noch einiges zu tun und aufzudecken. Wir verwenden ausschließlich Sande und Zuschlagstoffe mit Prüfzeugnissen und Datenblätter von akkreditierten Instituten, die auf Umweltverträglichkeit geprüft sind. Zusätzlich bieten wir biologisch abbaubare Produkte an, die je nach Anforderung gut eingesetzt werden können, allerdings die lange Lebenszeit und bestimmte funktionelle Vorteile der Reitböden noch nicht komplett 1:1 abbilden können und preislich deutlich höher sind.“

Felix Stuckenberg, Die Reitsand GmbH:

„Auch hier kommt es immer auf die Variante, die tägliche bzw. wöchentliche Nutzung sowie die Pflege an. Besonders die Pflege spielt bei der Haltbarkeit eines Reitplatzes eine große Rolle.
Wer seinen Reitplatz regelmäßig schleppt, bewässert und die Bollen absammelt, kann die Lebenserwartung des Reitplatzes bzw. Reitbodens maßgeblich erhöhen.

Bei der Entsorgung kommt es auch wieder darauf an was in dem Sand ist. Währen purer Sand z.B. auf dem heimischen Acker verteilt und untergegrubbert werden kann und darf, lässt sich die Bio-Kunststoff-Faser in einer Kompostieranlage oder einem Komposthaufen verwerten.
Bei einer Sand-Vlies-Mischung ist entscheidend, was für ein Vlies verwendet wurde. Einige Vliessorten können auf der Mülldeponie als Hausmüll entsorgt werden, andere müssen wiederum als Sondermüll entsorgt werden. Das zieht entsprechende Kosten nach sich.

Aber auch für dieses Entsorgungsproblem wird es in Zukunft eine funktionierende und kostengünstigere Lösung seitens unserer Firma geben.“

Nicole Hübner, Hübner-Lee:

„Die Langlebigkeit von der Tretschicht hängt davon ab, wie stark der Reitboden frequentiert ist, wie dieser gepflegt wird und ob ein harter Schotterunterbau oder ein elastischer Aufbau angewendet wurde. Grundsätzlich empfehlen wir natürliche Materialien für die Tretschicht und als Zuschlagsstoff. Derzeit wird die Genehmigung und auch die Handhabung von Bestandplätzen mit Tretschichten mit künstlichen Zuschlagsstoffen, von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich gehandhabt. Das ökologische Denken im Reitsport und bei den Behörden nimmt immer mehr zu, zum Vorteil von Natur und Umwelt.“

Statements zur Diskussion um textile Zuschlagstoffe

Wolfgang Bacher, Bacher Products:

„Hierbei handelt es sich um ein höchst aktuelles Thema, welches in der Berichterstattung recht einseitig beleuchtet wird. Daher freuen wir uns, dass wir von unserer Seite Stellung nehmen dürfen. Nachhaltigkeit bedeutet in diesem Fall eine Ressource (Reitboden) mit längere Zeit anhaltende Wirkung zu schaffen. Dabei steht dies in direkter Verbindung mit der Qualität des Bodens. Die Erfahrung der letzten Jahre hat dabei eindeutig gezeigt, dass Reitböden mit Quarzsand und Geotextil (Vlieshäcksel) und Fasern am besten und auch mit der längsten Lebensdauer für die verschiedenen Reitsportdisziplinen geeignet sind. Das Verhältnis von Sand zu Vlies liegt bei 95 zu 5 Anteilen.

Die Langlebigkeit eines Reitboden hängt mit der Nutzungsintensität, Feuchtigkeit und Pflege zusammen. Durchschnittlich bei etwa 10-15 Jahren, wobei die Lebensdauer von gutem Vlies länger ist, als die des Sandes. Bei einem Austausch kann das Geotextil aus dem Sand gesiebt und wiederverwendet werden oder über den Hausmüll entsorgt werden. Der Sand eignet sich zum Beispiel zur Verwendung als Kabelsand.“

Peter Wernke, Der Grüne Sand:

„Seit über 30 Jahren versuche ich schon die Betreiber von Reitanlagen bzw. Privatreitstallbesitzer zu sensibilisieren und darauf hinzuweisen, das künstliche Zuschlagstoffe in Reitböden zum Problem werden können. Deshalb setzen wir überwiegend nur Naturprodukte ein. Wann die Tretschicht ausgetauscht werden muss, ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Dazu gehört das Abäppelln, die Pflege mit dem Bahnplaner und die Beregnung, die Nutzung des Platzes und ob die Instandhaltungsarbeiten regelmäßig durchgeführt werden. Die Entsorgung von Naturmaterialien ist derzeit unproblematisch.“

Wolfgang Otto, Otto Reitsport:

„Aus Gründen der Nachhaltigkeit ist es besonders wichtig, auf hohe Qualität und langlebige Materialien zu achten. Dies ist ressourcenschonend und jeder Betrieb kann hier seinen Beitrag leisten – einmal, indem er sich für einen geeigneten Bodenbauer mit lang haltbaren Produkten entscheidet und zum anderen, indem er die Lebensdauer seines Reitplatzes durch gute Pflege und Wartung so weit wie möglich verlängert.“

 

 

 

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