Göttinger Pferdetage

Göttinger Pferdetage (Foto: Guido Krisam)
Wie kann man Fohlen besser vermarkten? Bevorzugen Pferde eher Liegematten oder Einstreu? Können Pferde von anderen Pferden lernen?
Fragen wie diesen widmeten sich die Göttinger Pferdetage mit 47 Vorträge an zwei Tagen – ein ehrgeiziges Programm, bei dem zahlreiche Bachelor-, Master-, und Promotionsarbeiten vorgestellt wurden, und auch erfahrene Praktiker ihr Wissen weitergaben.
Genau dieser Wissenstransfer von der Forschung in die Praxis und umgekehrt ist der Kern der Göttinger Pferdetage, die das Departement für Nutztierwissenschaften von Prof. Matthias Gauly am 30. März und 1. April in Göttingen veranstaltete.
Zucht braucht Absatz
Eines der Schwerpunktthemen war die Pferdevermarktung. Züchter brauchen leicht erreichbare Vermarktungswege, die den Absatz sichern, stellte Dr. Heiko Meinardus in seinem Vortrag fest. Denn „gezüchtet wird nur, so lange verkauft werden kann“. Vor allem die Verbände sieht Meinardus in der Pflicht, mehr für den Absatz zu tun. Über 30.000 Warmblut-Fohlen werden pro Jahr geboren, aber nur knapp 3000 Pferde aus einem Jahrgang werden über Auktionen vermarktet, die die Verbände immer noch als Hauptabsatzkanal sehen. Meinardus geht in seiner Untersuchung davon aus, dass etwa 12 Prozent der Pferde den Eigenbedarf der Züchter darstellen, weitere 8 Prozent werden über Auktionen verkauft und 80 Prozent sind dann der Anteil der freien Vermarktung. Um diese kümmern sich die Verbände nach Ansicht Meinardus viel zu wenig. Er forderte Unterstützung vor allem bei der Vermarktung über das Internet, der er eine wachsende Bedeutung beimisst. Wichtig sei diese Unterstützung vor allem, weil das Gros der Züchter nur ein Fohlen pro Jahr hat. Und sich gerade um diese Züchter zu kümmern sei wichtig, damit sie die Zucht nicht aufgeben.
Marketing
Mit Marketing im Pferdesport beschäftigte sich Prof. Achim Spiller. Nimmt man den Medaillenspiegel von Weltmeisterschaften und Olympiaden als Bewertungsmaßstab, ist der Reitsport mit Abstand die erfolgreichste Sportart in Deutschland. Was jedoch das Sportmarketing anbelangt, liegt der Reitsport weit hinter anderen Sportarten zurück. Lediglich in der Kampagne „Vorreiter Deutschland“ der deutschen reiterlichen Vereinigung sieht Spiller „erste Zeichen einer professionellen Marketingstrategie“. Dabei wäre es sehr wichtig zu handeln, denn „der Pferdesport steht in stetigem Wettbewerb zu anderen Sportarten und Freizeitaktivitäten, wobei die rückläufigen Mitgliederzahlen anderer Sportarten auch vor den Reitvereinen nicht halt machen.“ Generell verlieren die klassischen Sportarten, zu denen Spiller auch den Reitsport zählt, Boden zugunsten von Risiko- und Outdoor-Sportarten. Hier spielen auch gesellschaftliche Faktoren eine Rolle. Spiller nennt hier den Effekt des Cocooning: Der sowieso kleiner werdende Anteil jüngerer Menschen verlagert seine Freizeitaktivitäten zunehmend in die Wohnung und in audiovisuelle Medien wie das Internet. Außer-Haus-Aktivitäten oder Sport verlieren bei der Mehrzahl der Jugendlichen zunehmend an Bedeutung.
Pferde lernen von Pferden
Fast jeder Reiter hat schon einmal ein anderes Pferd als Leittier benutzt, um junge Pferde ans Wasser zu gewöhnen oder das erste Mal ins Gelände zu gehen. Dies wird seit Jahrhunderten gemacht, bislang gab es aber keinen wissenschaftlichen Beweis, ob Pferde überhaupt von Artgenossen lernen können. Konstanze Krüger hat in ihrer Studie „Soziales Lernen der Pferde“ untersucht, ob Pferde das Verhalten anderer kopieren. Dabei stellte sich heraus, dass der Rang des Pferdes eine bedeutende Rolle spielt. Vereinfacht kann man sagen, rangniedrige Pferde kopieren von ranghohen, aber nicht umgekehrt.
Gestresst?
Mit Stressfaktoren und dem Wohlbefinden von Pferden beschäftigten sich gleich mehrere der vorgestellten Arbeiten. Alexandra Brückner untersuchte das Verhalten von Pferden auf dem Abreiteplatz vor Springprüfungen auf Stressfaktoren. Dabei kam sie zu recht erstaunlichen Ergebnissen: Je höher die Prüfungskategorie, desto weniger Stress zeigen die Pferde. Hier scheint sowohl die Routine des Reiters, als auch die des Pferdes eine große Rolle zu spielen. Denn auf regionalen Turnieren sah Brückner wesentlich mehr Anzeichen für Stress bei den beobachteten Pferden, als auf den Vorbereitungsplätzen der internationalen Turniere.
Willa Bohnet stellte ihre Untersuchung der „Stressbelastung von Pferden in Abhängigkeit des Haltungssystems“ vor. Immer mehr Stallbetreiber setzen auf pferdegerechte Haltungssysteme, ob das auch bei den Pferden gut ankommt, lässt sich oft gar nicht so einfach sagen. In der vorgestellten Studie wurden folgende Haltungssysteme miteinander verglichen: Einzelbox, Einzelbox mit Paddock und verschiedene Formen der Gruppenhaltung mit oder ohne abgetrenntem Liegebereich. Bei den Stressmessungen, bei denen ein Parameter die Herzfrequenz war, stellte sich heraus, dass für die meisten Pferde die Gruppenhaltung die angenehmste war. Allerdings stellte Bohnet auch heraus, dass „für jedes Pferd individuell unter Berücksichtigung des Alters, der Rasse, des Nutzungsgrades, aber vor allem des Charakters und der Erfahrung im Sozialverhalten ein passendes (…) Haltungssystem ermittelt werden muss.“
Dass die Gewöhnung eine sehr große Rolle spielt, stellte auch Katharina Muggenthaler in ihrer Studie „Wie verhalten sich Pferde mit und ohne Liegemattenvorerfahrung im Wahlversuch“. Hier wurden zwei einem Laufstall identische Liegeflächen einmal mit Gummi-Liegematten ausgelegt und mit Spänen eingestreut. Die Pferde ohne Vorerfahrungen mit Liegematten bevorzugten auch nach 10-wöchigem Test noch eindeutig die Liegeflächen mit Spänen. Schwierig war für diese Pferde, sich gleichzeitig an die Benutzung von separaten Ausscheideplätzen zu gewöhnen. Denn diese sind aus hygienischen Gründen bei der Verwendung von Liegematten unerlässlich, wie Muggenthaler feststellte.
GWP Preisverleihung
Der im Rahmen der Göttinger Pferdetage vergebene Förderpreis der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft um das Pferd ging an Lisa Schmidt aus Visselhövede. Sie wurde für ihre Masterarbeit „Untersuchung zur Bedeutung hannoverscher Stutenstämme mittels quantitativ-genetischer Modelle“ ausgezeichnet. Darin konnte sie unter anderem nachweisen, dass es für die Weitergabe der Springveranlagung einen speziellen Effekt der Mutterlinie gibt, die auf der mitochondrialen Vererbung beruht. Ulrike Seim und Jens Lyke als Vertreter der beiden Sponsoren R+V Versicherungen und Derby Pferdefutter übergaben Schmidt, die mittlerweile im VIT Verden arbeitet, einen Scheck in Höhe von 1000 Euro.











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